Vom Reichtum an Extremen – die Geschichte Bangladeschs

Ein Geflecht von ungefähr 240 Flüssen mit einer Gesamtlänge von ca. 24.000 km durchzieht das Land. Bangladesch ist flaches Schwemmland, das Deltagebiet von zwei großen Strömen Südasiens, dem Ganges (Padma) aus Nordindien und dem Brahmaputra (Jamuna) aus dem Hochland Tibet. Sie überschwemmen das Land mit wertvollem Naturdünger in der Größenordnung von 1,5 bis 2 Milliarden Tonnen pro Jahr und machen es fruchtbar. Der enorme Wasserreichtum kann verstärkt durch die Schneeschmelze im Himalaja und die Monsunregenfälle im Sommer auch zur Katastrophe werden und die Ernte vernichten, Vieh, Besitz und Häuser zerstören. Die gelegentlich auftretenden tropischen Zyklone tun ein Übriges. Bangladesch befindet sich im subtropischen und tropischen Bereich, die Tagestemperatur liegt zwischen 21°C in den kälteren Monaten und 35°C im Sommer. Wenn die Monsunwinde keinen Regen bringen, und so der Wasserspiegel der Flüsse extrem sinkt, trocknet das Land sehr schnell aus - dann vernichtet Dürre die Ernten. Bangladesch ist mit 923 Menschen pro km² das am dichtesten besiedelte Land der Erde, 75% der Bevölkerung leben auf dem Land. Die Verteilung des Landes ist ungleich, die unteren 40% aller Haushalte besitzen nur 3% der Landfläche. Der Anteil der Menschen, die unter der Armutsschwelle leben, betrug 2002 nach Angaben der Weltbank 53%. 36% der Bevölkerung müssen als extrem arm bezeichnet werden. Ein erst in jüngster Zeit entdecktes schwerwiegendes Problem ist darüber hinaus die Vergiftung des Trinkwassers durch Arsen in den Bodenschichten, wovon bis zu zwei Drittel der Bevölkerung betroffen sind. Die WHO spricht von der »größten Massenvergiftung in der Geschichte der Menschheit«.

Die Kulturregion Bengalen war seit jeher ein Schmelztiegel: Inder, Indogermanen, Araber, Perser, Türken, Mongolen, Europäer. Immer wieder gab es kleinere Streitigkeiten zwischen Herrschern in Indien und Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Buddhisten um die religiöse Vorherrschaft. Der Islam breitete sich aus. Unter der Mogulherrschaft ab dem 12. Jh. erblühten Kunst und Literatur und der Handel über Land und Meer. Bengalen gehörte im 16. Jh. sicher zu den reichsten Teilen des Subkontinents.

Portugiesen etablierten sich als erste Europäer in dieser Region, wurden jedoch bald von der englischen East India Company abgelöst, die Indien und somit Bengalen nach und nach in eine britische Kolonie verwandelte. Kalkutta wurde wichtigstes Handelszentrum.

Die britische Verwaltung Bengalens zerstörte die gewachsenen Strukturen der Landwirtschaft und der landwirtschaftlichen und handwerklichen Industrie. Die Engländer führten sehr schnell Monokulturen ein. Die historischen Drainage-Systeme verfielen und auch der über Jahrhunderte gewachsene soziale Zusammenhalt. Die hinduistische Minderheit kooperierte wie in Indien mit den Briten, übernahm die englische Sprache und das englische Schulsystem. Für die muslimische Bevölkerung war die britische Präsenz eine Katastrophe, weil die Engländer die Muslime immer mehr in unprofitable Erwerbszweige abdrängten.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges erkämpfte sich Indien von England Freiheit und Unabhängigkeit. Der indische Subkontinent wurde aufgeteilt nach der Religionszugehörigkeit der Bevölkerung. Indien für die hinduistische und Pakistan für die muslimische Bevölkerung. Allerdings bestand Pakistan nun aus zwei Teilen, Westpakistan und Ostpakistan, dem heutigen Bangladesch, dazwischen liegt über 2.500 km Distanz. Die Lage Pakistans wurde noch komplizierter durch die wirtschaftlichen Konsequenzen. Der meiste Rohexport kam aus Ostpakistan, also Bengalen, und wurde günstig von Westpakistan importiert. Unter anderem verschoben sich die Einkommens- und Lebensgrundlagen. Die Verwaltung der beiden so weit auseinanderliegenden Staatsteile wurde äußerst schwierig.

1952 fand in Ostpakistan ein blutiger Aufstand gegen Urdu, die Sprache Westpakistans, statt. Nach fast zwanzig Jahren eskalierte die Lage. In einem blutigen Befreiungskrieg erlangte Ostpakistan 1971 die Unabhängigkeit.

Der damals 137. Staat der Welt, Bangladesch, wurde installiert. Die Awami League, eine sozialistisch orientierte Partei, stellte nach den ersten nationalen Wahlen die Regierung. Zwischen 1972 und heute wechseln sich die beiden großen Parteien, Awami League bzw. Bangladesch Nationalist Party (BNP) und einige Male das Militär in der Regierung des Landes ab. Von Oktober 2001 bis 2007 regierte die BNP mit Premierministerin Begum Khaleda Zia. Dann nach eineinhalb Jahren einer Übergangsregierung führt seit Dezember 2008 wieder die Awami League mit der Premierministerin Sheikh Hasina Wajed die Regierung.

Tobias Hagleitner

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